Samstag, 2. Januar 2016

Last Christmas...

Keine Panik, ich spiele dieses Lied jetzt nicht hier ab...
Ich habe lange überlegt, ob ich den folgenden Beitrag überhaupt schreiben soll.

Mein Weihnachtsfest war eine emotionale Achterbahnfahrt.
Im Vorfeld (ab etwa Oktober), musste ich mich damit abfinden, dass es in diesem Jahr kein Weihnachtsfest für mich geben würde. Im November wurde es traurige Gewissheit.
Weihnachten sieht ja seit dem Tod meines Vaters so aus, dass ich am heiligen Abend zu meiner Mama fahre. Ich putze ein kleines Bäumchen auf, Mama kocht, die Großeltern kommen am späten Nachmittag dazu. Wir essen gemeinsam, hören Weihnachtslieder. Es gibt eine kleine Bescherung, dann Kekse und Plaudern, bis wir uns abends wieder trennen.
Es war schön so.

Nun ist es aber so, dass meine Großeltern rapide "verfallen", wie man allgemein sagt. Abgesehen davon, dass sie alt sind, ist Opa sehr wackelig auf den Beinen und Oma abgesehen von ihren schweren Demenzzeichen ebenfalls gesundheitlich sehr schlecht beisammen. Auch wurde mein Opa Anfang Dezember an einem Auge operiert.
Und da wurde klar..., das wird dieses Jahr nichts. Oma hat die Wohnung seit Monaten nicht verlassen, Opa muss 3x täglich die Augen eingetropft bekommen - was meine Mama übernimmt.
Oma hat schon im November angemeldet, dass sie keinesfalls kommen können wird. Weihnachten in der großelterlichen Wohnung geht aber auch nicht. Weihnachtsschmuck ist nicht vorhanden, und alles in ihre Wohnung schaffen, um es ein paar Tage später wieder mitzunehmen..., nein, das wollen sie nicht. Außerdem macht so ein Weihnachtsbaum ja auch Schmutz. Kochen für 4 Personen scheitert ebenfalls am Nichtvorhandensein elementarster Dinge (meine Großeltern kochen seit Jahren kaum mehr als eine Packerlsuppe - Opa geht Essen und bringt Oma ein Menü mit, das sie daheim ißt).
Allerdings ist es nach der letzten Runde Augentropfen auch zu spät, dass Mama heimkommt und wir beide feiern. Und so wurde Weihnachten abgesagt.

Bis Mitte Dezember.
Da meinte Oma nämlich plötzlich beleidigt, ob es dieses Jahr keine Einladung zum Weihnachtsfest gäbe. Sie will unbedingt kommen. Und so haben wir binnen 2 Wochen Weihnachten geplant. Mama hat das Essen vorbereitet, ich habe den Baum aufgeputzt - Mama setzt sich mit Oma und Opa ins Taxi und kommt (die Augentropfen im Gepäck) nach Hause. So die Theorie.
Die Praxis sah dann so aus, dass Oma 1 Stunde vor Aufbruch plötzlich meinte, dass sie nicht kann und will, weil es ihr soooo schlecht geht. (Oma, simuliert allerdings gerne, was wie schon oft bemerkt haben - wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht, dann liegt sie plötzlich im Sterben, um 5 Minuten später, wenn alles wieder nach ihrer Nase geht, auf wundersame Weise zu genesen.) Alleine daheim lassen auch keine Option. Die Androhung die Rettung zu rufen, hat dann allerdings die wundersame Heilung eingeleitet - und mit 30 Minuten Verspätung sitzen alle im Taxi.

Was dann kam war mühsam. Während Opa den Baum bewundert und glücklich m Wohnzimmer sitzt, Kaffee schlüft und mit mir plaudert, liegt Oma "im Sterben". Ihr geht es ja soooo schlecht. Wir bieten ihr an, sich etwas auf die Couch zu legen, denn bis zum Essen dauert es ja noch eine Weile und es geht ihr sicher besser, wenn sie sich ausruht. Das tut sie dann auch - aber nicht, ohne alle 2 Minuten zu erklären, dass sie bald sterben will/wird. Ich weiß nicht, wie oft ich in der kommenden Stunde den Satz "Das war mein letztes Weihnachtsfest" gehört habe...

Beim Essen dann geht es ihr blendend. Sieht man von den üblichen Gedächtnislücken ab, die dazu führen, dass sie alles mindestens 3 mal fragt und man jedes Gespräch mindestens ebens so oft führt.
Plötzlich sieht mich Oma an, und meint:
"Ja sag mal..., wie kann dass denn sein, dass sich noch immer kein Mann für ich gefunden hat?"
Ich: *ersticke fast an meiner Scholle*
Oma: Wie alt bist du denn jetzt?
Ich: 36 und ein paar zerquetschte...
Oma: Na, worauf wartest du dann bitte? Ist ja bald zu spät.
Ich *hyperventilier*
Mama schaltete sich ein.... Sie meint es sicher nur gut.
Mama: In diesem Alter ist es halt schwer, da ist die Auswahl nicht mehr so gegeben. Die meisten im richtigen Alter sind in Beziehungen
Ich: ...
Oma: Na da muss sie sich halt einen älteren nehmen. Männer können ja auch im Alter noch Kinder zeugen...
Ich(gedanklich): Lass mich tot umfallen. Jetzt wäre schön...
Gespräch dann glückicherweise beendet.

Demenz sei Dank, meine Oma so - keine 5 Minuten später:
Oma: Na, und für dich findet sich noch immer kein Mann...? Wie kann das sein?
Ich: Oma, das paßt schon so. Mir geht es gut alleine.
Oma: Aber eine Frau hat auch ihre Bedürfnisse!
Ich: ersticke fast an meinem Cola
Oma (völlig unbeeindruckt): Was denn? Sex ist wichtig - und von nix kommen schließlich auch keine Kinder!
Ich: ... o.O
Mama (sie will ja nur helfen): Mama, in dem Alter ist es schwierig... und die Arbeit ist ja auch noch sehr intensiv.
Ich: Könnten wir bitte das Thema wechseln?

Demenz ist was Feines... denn 5 Minuten später ...
Oma: Na, und in der Liebe tut sich gar nichts? Kann doch nicht sein. So unhübsch bist du doch nicht. Ich: ... (ob es hilft, wenn ich mich im WC einsperre?)
Oma: Und du wirst nicht jünger. Bald wird das nichts mehr mit den Kindern.
Ich: Das ist in Ordnung, ich will keine Kinder - und wenn ich doch mal dran denke, dann besuche ich meine Schwester und ihre Kinder.
Oma: Naja, aber immer alleine sein... das geht doch auch nicht. Fehlt dir da denn nichts. Ich meine, die Nächte können lang sein...
Ich: Oma, bitte. Mir fehlt nichts. Es ist alles ok so.
Oma: Ja aber ...
Mama: Mama bitte, sie ist bald 37... das wird vermutlich nichts mehr. Lass es gut sein...
Ich: Danke.

Essen schließlich beendet - da fällt Oma ein, dass sie schon lange nicht mehr gestorben ist. Also meldet sie ihr baldiges Ableben an, während wir die Bescherung vorbereiten. Wir singen Stille Nacht, die Kerzen flackern. Mit kommen fast die Tränen, denn mit einem Mal wird mir klar... das IST das letzte Weihnachtsfest mit meinen Großeltern.
Denn auch, wenn ich nicht glaube, dass Oma wirklich so schnell stirbt - die beiden nochmal quer durch Wien zu fahren, das wird nichts.


Nach der Bescherung sitzen wir noch ein wenig beisammen, und dann sehr früh, will Opa nach Hause. Es wird ihm zu viel. Und so bringen wir sie nach draußen, rufen ein Taxi und Mama bringt die beiden nach Hause.


Es war schön, die beiden nochmal gemeinsam am heiligen Abend bei uns zu haben... wie das kommende Weihnachtsfest werden wird, will ich mich noch nicht ausmalen...

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